Die Maschine hat einen Witz erzählt

Software schreibt inzwischen Pointen, die Fremde lustiger finden als die meisten menschlichen. Ob gerade der Moment dafür ist, weiß sie nicht.

Sascha Schulz

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Hörfassung · gelesen von einer synthetischen Stimme

Man stelle sich eine Montagsrunde vor, zehn Minuten nachdem die Quartalszahlen schlecht angekommen sind. Jemand will die Stimmung retten, lässt sich von einem Chatbot etwas Lustiges geben und liest es vor. Der Witz ist gut gebaut: Anlauf, Wendung, saubere Pointe. Niemand lacht. Für den Rest der Sitzung wirkt der Vorleser eine Nummer kleiner. Am Witz lag es nicht. Es lag am Moment.

Darin steckt die These dieses Textes: Maschinen liefern Humor inzwischen auf Bestellung. Urteilskraft aber, das Gespür für das Wann, das Für-wen und das Ob-überhaupt, lässt sich nicht prompten. Genau dort liegt der Vorsprung des Menschen.

Die Pointe ist nicht mehr das Problem

Man hält Humor gern für die letzte Bastion des menschlichen Geistes. Die Forschung ist da weniger sentimental. In einer Studie, die im Juli 2024 in der Fachzeitschrift PLOS ONE erschien, stellten die Psychologen Drew Gorenz und Norbert Schwarz ChatGPT 3.5 und 105 Menschen dieselben Humoraufgaben; eine andere Gruppe bewertete die Ergebnisse. Bei bissigen Sticheleien, im Englischen „roast jokes“, schnitt die Maschine besser ab als 87 % der menschlichen Teilnehmer, und ihre satirischen Schlagzeilen fanden die Befragten ungefähr so komisch wie die des Satiremagazins The Onion1. Die Pointe ist ein Muster. Und aus Mustern bestehen diese Systeme.

Übrigens hat noch keine Maschine einem Autor gesagt, sein Witz sei daneben gewesen. Das ist entweder Taktgefühl oder eine Lücke in den Trainingsdaten.

Jedes fünfte Unternehmen in der EU nutzt KI. Anteil der Unternehmen, die mindestens eine KI-Technologie nutzen, 2025, in %

Wie weit die Maschinen wirklich sind

Bei allem Getöse ist KI im Betrieb noch eine Gewohnheit der Minderheit. Laut Eurostat nutzten 2025 in der Europäischen Union 20,0 % der Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten wenigstens eine KI-Technologie, nach 13,5 % im Vorjahr2. Die Unterschiede sind beträchtlich: Dänemark kommt auf 42,0 %, Finnland auf 37,8 %, Frankreich auf 18,2 %, Rumänien auf 5,2 %3. Deutschland liegt mit 26 % über dem Schnitt, und entscheidend ist weniger der Standort als die Größe. Von den Unternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten setzen 57 % KI ein, bei jenen mit zehn bis 49 Beschäftigten sind es 23 %4.

In den USA sieht es kaum anders aus. Die Business Trends and Outlook Survey des US Census Bureau ermittelte Anfang Mai 2026 einen aktuellen KI-Einsatz bei 19,8 % der amerikanischen Unternehmen, bei Firmen mit 250 und mehr Beschäftigten bei 37 %5. Japan misst anders und fragt Menschen statt Firmen. Nach einer Anfang 2026 durchgeführten Erhebung des Ministeriums für Inneres und Kommunikation haben 58,8 % der Befragten schon einmal einen generativen KI-Dienst genutzt, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor (26,7 %), wobei diesmal auch Jugendliche befragt wurden. Für die USA und Deutschland weist dieselbe Studie jeweils 75,6 % aus, für China 93,6 %6.

Die Maschine liefert Möglichkeiten, der Mensch trägt die Folgen.

Wofür man sie tatsächlich nutzt

Aufschlussreicher ist die Frage, wofür. Eine im September 2025 vom National Bureau of Economic Research veröffentlichte Auswertung von ChatGPT-Gesprächen kam zu dem Ergebnis, dass mehr als 70 % der Nutzung nichts mit der Arbeit zu tun haben. Praktische Ratschläge, Informationssuche und Schreiben machen zusammen fast 80 % aller Unterhaltungen aus7. In europäischen Unternehmen ist die häufigste Anwendung die Analyse geschriebener Sprache: 11,8 % aller Unternehmen nutzen KI dafür2.

Die Maschine ist also vor allem Schreibpartner und Ratgeber. Genau auf diesem Gelände entscheidet der Ton über alles. Ein Satz kann sachlich stimmen und trotzdem falsch sein, wenn er eine Kollegin an dem Tag erreicht, an dem ihre Abteilung gestrichen wurde. Das Modell liefert zehn Fassungen. Welche davon man am Donnerstag noch vertreten kann, weiß es nicht.

Was sich nicht prompten lässt

Urteilskraft kommt nicht mit dem nächsten Update, weil sie keine Frage der Information ist, sondern eine des Einsatzes. Wer in einem Raum einen Witz erzählt, legt ein Stück seines Ansehens auf den Tisch. Geht er schief, zahlt er. Die Maschine zahlt nichts; deshalb liefert sie auf höfliche Nachfrage auch eine Pointe für die Trauerfeier. Guter Humor ist Urteilskraft, bei der das Risiko drinbleibt.

Ich habe mit Computern zu tun, seit ich mit elf Jahren ein Schulstipendium bei IBM bekam, lange vor dem Internet. Sie waren schon damals gut darin, recht zu haben. Im richtigen Moment recht zu haben, ist ein anderer Beruf. Dazu gehört, Gesichter zu lesen, sich zu erinnern, wer im Frühjahr was verloren hat, und zu wissen, wann Schweigen das Komischste ist, was der Raum hergibt.

Gegen die Werkzeuge spricht das alles nicht. Sollen sie entwerfen, sortieren, zusammenfassen und meinetwegen auch den Witz vorschlagen. Die vernünftige Arbeitsteilung ist schnell beschrieben: Die Maschine liefert Möglichkeiten, der Mensch trägt die Folgen. Was er nicht abgeben sollte, ist der letzte Schritt, der Moment der Entscheidung. Denn nur dieser Teil der Arbeit trägt eine Unterschrift.

Der Witz aus der Montagsrunde wird wieder angeboten werden, jemand anderem, in einem anderen Raum. Ob er zündet, hängt wie immer davon ab, wer ihn in der Hand hält.

Quellen

  1. PLOS ONE (Drew Gorenz, Norbert Schwarz): How funny is ChatGPT? A comparison of human- and A.I.-produced jokes, 2024-07-03
  2. Eurostat: 20% of EU enterprises use AI technologies, 2025-12-11
  3. Eurostat: Artificial intelligence by size class of enterprise (dataset isoc_eb_ai), enterprises with 10 or more employees, 2025, 2026-06-15
  4. Statistisches Bundesamt (Destatis): Unternehmen mit Nutzung von Technologien der künstlichen Intelligenz nach Beschäftigtengrößenklassen, 2025-11-24
  5. U.S. Census Bureau: Large Firms With at Least 20 Employees Biggest AI Users (Business Trends and Outlook Survey), 2026-05-26
  6. Ministry of Internal Affairs and Communications, Japan (総務省): 令和8年版情報通信白書(概要) (White Paper on Information and Communications in Japan 2026, summary), July 2026
  7. National Bureau of Economic Research: How People Use ChatGPT (Working Paper 34255), September 2025