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Man stelle sich einen Besprechungsraum im Dezember vor. Jemand klickt auf die Folie mit der Wachstumszahl für das kommende Jahr, und im Raum entspannt sich etwas. Eine Zahl ist ein Möbelstück, man kann sich darauf setzen. Niemand fragt, was auf derselben Folie ein Jahr zuvor stand. Schade eigentlich, denn die Geschichte einer Prognose ist oft lehrreicher als die Prognose selbst.
Nehmen wir das Jahr 2024. Im Dezember 2022 erwartete die Deutsche Bundesbank für die deutsche Wirtschaft ein Wachstum von 1,7 %.1 Im Juni 2023 waren es noch 1,2 %,2 im Dezember 2023 0,3 %,3 im Juni 2024 0,2 %4 und im Dezember 2024 minus 0,2 %.5 Das Statistische Bundesamt beziffert das Ergebnis inzwischen auf minus 0,5 %.6 Schlampig gearbeitet hat niemand, jede Projektion war eine nüchterne Lesart der Daten ihrer Saison. Hintereinander gelesen wirken die Zahlen allerdings weniger wie ein Blick auf 2024 als wie ein Stimmungstagebuch der Republik, die allmählich begreift, dass der Aufschwung nicht kommt.
Daraus folgt die These dieses Textes: Prognosen erzählen mehr über die Stimmung des Augenblicks als über die Zukunft. Die vernünftige Antwort darauf ist keine bessere Glaskugel, sondern eine andere Denkgewohnheit.
Das Schimpansenproblem
Die Wissenschaft ist nicht gnädiger. In den Studien des Psychologen Philip Tetlock gaben knapp 300 Fachleute Vorhersagen zu politischen und wirtschaftlichen Fragen ab, mit Zeithorizonten von einem bis zu zehn Jahren. Im Durchschnitt trafen sie nicht besser als, so das berühmt gewordene Bild, Schimpansen mit Dartpfeilen.7 Später zeigte Tetlock, dass manche Menschen, die sogenannten Superforecaster, deutlich besser abschneiden. Doch auch sie stoßen an Grenzen, wenn sich die Welt schneller bewegt als ihre Annahmen. In einer Studie des Forecasting Research Institute vom September 2025, an der Tetlock mitgeschrieben hat, hatten Fachleute und Superforecaster einem KI-System nur mit 8,6 % beziehungsweise 2,3 % Wahrscheinlichkeit zugetraut, bis 2025 Goldniveau bei der Internationalen Mathematik-Olympiade zu erreichen. Im Juli 2025 war es so weit.8
Ich habe lange im Direktmarketing gearbeitet, für Microsoft, Quelle und Condé Nast. In diesem Gewerbe ist die Prognose immer selbstbewusst und die Antwortkarte immer im Recht. Das heilt von gewissen Ambitionen.

Was Shell verstanden hat
Shell entwickelt nach eigenen Angaben seit den frühen 1970er-Jahren mögliche Bilder der Zukunft.9 Pierre Wack, der wichtigste Denker hinter der Methode, beschrieb ihren Zweck ohne Schnörkel: Es sei nie darum gegangen, die Zukunft vorherzusagen, sondern darum, das mentale Modell der Entscheider zu verändern.10 Vor 1973 hatten die Planer des Konzerns neben bequemen Zukünften auch solche mit Versorgungsengpässen und stark steigenden Preisen durchgespielt. Als die OPEC die Förderung drosselte und sich der Ölpreis von 4 auf 16 Dollar je Barrel vervierfachte, war das Undenkbare immerhin schon einmal gedacht worden.10
Ein Szenario ist keine unschärfere Prognose. Es ist eine kleine Zahl unterschiedlicher, plausibler Geschichten, jede in sich schlüssig, keine mit dem Etikett „am wahrscheinlichsten“. Sein Wert liegt in der Probe. Die Frage lautet nicht mehr „Was wird passieren?“, sondern „Was würden wir tun, wenn?“. Die zweite Frage hat den Vorzug, dass man sie beantworten kann.
Prognosen erzählen mehr über die Stimmung des Augenblicks als über die Zukunft.
Eine Probe im Maßstab von Kontinenten
In der Demografie fühlt sich Vorhersage am sichersten an. Nach den World Population Prospects 2024 der Vereinten Nationen wächst Afrikas Bevölkerung von rund 1.550 Millionen im Jahr 2025 auf 2.467 Millionen im Jahr 2050. Europa schrumpft im selben Zeitraum von 744 auf 703 Millionen, Asien wächst von 4.835 auf 5.280 Millionen.11 Japan dürfte zwischen 2024 und 2054 rund 21 Millionen Menschen verlieren. Deutschland zählt zu den Ländern, deren Bevölkerung ihren Höchststand bereits erreicht hat, während die USA voraussichtlich bis 2054 weiter wachsen, vor allem durch Zuwanderung.12
Selbst hier bleiben die Vereinten Nationen vorsichtig. Sie erwarten den Höhepunkt der Weltbevölkerung bei etwa 10,3 Milliarden Mitte der 2080er-Jahre und beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass er noch in diesem Jahrhundert eintritt, mit 80 %, nicht mit Gewissheit.12 Wer für einen Stadtrat in Kassel, einen Maschinenbauer in Nagoya oder eine Universität in Ohio plant, braucht keine exakte Zahl für 2050. Er braucht durchdachte Geschichten: ein Europa, das schneller altert als erwartet, eines, das durch Zuwanderung wächst, und eine Welt, in der etwa ein Viertel der Menschheit in Afrika lebt. Und er muss wissen, welche seiner Entscheidungen in allen dreien tragen.
Vorbereiten, ohne vorherzusagen
Das alles macht Prognosen nicht wertlos. Sie beschreiben die Gegenwart, und das ist schwieriger, als es klingt. Der Fehler liegt darin, sie als Landkarte der Zukunft zu lesen statt als Wetterbericht über unsere Erwartungen.
Die ehrliche Dezemberfolie trüge deshalb drei Geschichten statt einer Zahl und darunter eine einzige Frage: Welcher unserer Pläne funktioniert in allen dreien? Auf dieser Folie sitzt es sich weniger bequem. Man fällt allerdings auch deutlich seltener herunter.
Quellen
- Deutsche Bundesbank: Perspektiven der deutschen Wirtschaft für die Jahre 2023 bis 2025 (Projektion Dezember 2022), December 2022
- Deutsche Bundesbank: Perspektiven der deutschen Wirtschaft bis 2025 (Projektion Juni 2023), June 2023
- Deutsche Bundesbank: Sinkende Inflation, aber noch keine Entwarnung (Projektion Dezember 2023), December 2023
- Deutsche Bundesbank: Deutschland-Prognose: Deutsche Wirtschaft fasst langsam wieder Tritt, Perspektiven bis 2026 (Monatsbericht Juni 2024), 2024-06-07
- Deutsche Bundesbank: Deutschland-Prognose: Wachstumsausblick deutlich eingetrübt, Inflation geht zurück auf 2 % (Monatsbericht Dezember 2024), December 2024
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen (Pressemitteilung Nr. 017), 2026-01-15
- Newsweek: Predicting the Future: The Supergroup of AI, Humans, Hedgehogs and Foxes (Marcus Weldon), 2025-09-22
- Forecasting Research Institute: Assessing Near-Term Accuracy in the Existential Risk Persuasion Tournament (Kučinskas, Tetlock, Karger et al.), 2025-09-02
- Shell: What are the previous Shell scenarios?, accessed 2026-09-29
- Polytechnique Insights: Case study: how Shell anticipated the 1973 oil crisis (Cabanes, Roger, Doganova), 2023-11-02
- INED, based on UN World Population Prospects 2024: Projections by continent (medium variant), July 2024
- United Nations, DESA Population Division: World Population Prospects 2024: Summary of Results, July 2024
