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Man stelle sich einen Besprechungsraum in Den Haag vor, Januar 2030. Jemand hat die neueste Erhebung mitgebracht, jemand anderes den Kaffee, und an der Wand hängt das Ziel für finanzielle Gesundheit, das Jahre zuvor aufgeschrieben wurde: Bis 2030 soll sich die Zahl der finanziell ungesunden Haushalte halbiert haben. Die Sitzung wird entweder leise feierlich oder leise peinlich. Unverbindlich kann sie nicht mehr werden.
In diesem einen Raum steckt der ganze Unterschied zwischen einer Sorge und einer Politik. Finanzielle Gesundheit wird erst politisch, wenn sie ein Ziel mit Datum bekommt. Bis dahin bleibt sie ein Anliegen, so gründlich es auch erforscht sein mag.
Vom Konto zur Gesundheit
Am 25. September 2024 änderten die Vereinten Nationen eine Stellenbeschreibung. Königin Máxima der Niederlande, fünfzehn Jahre lang Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für inklusive Finanzierung, erhielt ein neues Mandat als Sonderbeauftragte für finanzielle Gesundheit.1 Das klingt nach Verwaltungsdetail. Es ist ein Perspektivwechsel. Inklusion fragt, ob jemand ein Konto hat. Gesundheit fragt, ob jemand damit durch den Monat kommt, einen Schock verkraftet, vorausplanen kann und bei alledem einigermaßen zuversichtlich bleibt. Das sind die vier Elemente der Definition, mit der ihr Büro arbeitet.2 Es ruft Politik, Aufsichtsbehörden und Privatwirtschaft dazu auf, sich zu verpflichten.
Worauf genau, kann ein Mandat nicht beantworten. Eine Definition sagt, wohin man schauen soll. Sie sagt nicht, wie viel von dem Problem verschwinden soll und bis wann.

Das Land mit der Frist
Die Niederlande haben beide Fragen beantwortet. Eine nationale Koalition aus öffentlichen und privaten Organisationen, darunter Arbeitgeber, der sich im Februar 2025 auch die Finanzaufsicht AFM angeschlossen hat, will bis 2030 die Zahl der Haushalte halbieren, die finanziell unzureichend aufgestellt oder ungesund sind.3 Der Jahresbericht 2025 des UN-Büros führt die Koalition als Beispiel an.4 Königin Máxima ist Ehrenvorsitzende der Stiftung Financieel Gezond Nederland, in der inzwischen 55 öffentliche und private Partner zusammenarbeiten.5
Lehrreich ist weniger der Ehrgeiz als der Verlauf, denn ein Ziel macht aus einer jährlichen Umfrage einen Zwischenstand. Die Erhebung von Deloitte, dem Budgetinstitut Nibud und Forschenden aus Leiden und später Tilburg zählte 2022 noch 60 % der Haushalte als finanziell verwundbar oder ungesund,6 2023 waren es 53 %,7 2024 dann 47 % und 2025 noch 44 %.8 Vierundvierzig Prozent sind immer noch sehr viele Küchentische. Aber jede dieser Zahlen beantwortet nun eine Frage, die vorher gestellt wurde: Sind wir näher dran?
Wer im Direktmarketing gearbeitet hat, wie ich, weiß: Eine Kampagne ohne Rücklaufziel kann nicht scheitern. Genau deshalb kann sie auch nicht gelingen.
Ein Ziel, das niemand setzt, kann auch niemand verfehlen.
Drei Länder, die zählen
Die Vereinigten Staaten vermessen ihre finanzielle Gesundheit mit bewundernswerter Sorgfalt, allerdings erledigt das eine gemeinnützige Organisation, das Financial Health Network, und kein Ministerium. Im Frühjahr 2025 galten nur 31 % der amerikanischen Haushalte als finanziell gesund.9 Ein Jahr später war der Anteil der finanziell verwundbaren Haushalte von 15 auf 17 % gestiegen.10 Die Zahlen kommen jeden Herbst, werden gemeldet wie der Wetterbericht und ungefähr genauso behandelt.
Japan liefert die Gegenprobe. Im November 2022 beschloss die Regierung einen Plan zur Verdopplung der privaten Vermögenseinkommen.11 Er hatte Zahlen und eine Frist: bis Ende 2027 doppelt so viele steuerfreie NISA-Konten, 34 statt 17 Millionen, und doppelt so viel Geld, das darüber angelegt wird, 56 statt 28 Billionen Yen.12 Im Dezember 2025 lagen die Käufe bereits bei 71,4 Billionen Yen, weit über dem Ziel, die Zahl der Konten bei 28,2 Millionen.12 Ziele wirken also. Sie wirken allerdings auf das, worauf man sie richtet, und Japan hat auf Anlagekonten gezielt, nicht auf Haushalte, die einen schlechten Monat überstehen.
Auch Deutschland zählt sorgfältig. Der SchuldnerAtlas von Creditreform kam im November 2025 auf rund 5,67 Millionen überschuldete Erwachsene.13 Solche Zahlen werden veröffentlicht, zitiert, bedauert und abgeheftet. Man vergleicht sie mit dem Vorjahr, nie mit einem Ziel, denn eine Bundesregierung, die eines gesetzt hätte, habe ich nicht gefunden. Im Mai 2026 schrieb ausgerechnet die Börsen-Zeitung, kein Blatt für Gefühlsduselei, einiges am niederländischen Weg lasse sich gewiss auch in Deutschland kopieren, nur ein Punkt nicht: der maßgebliche Anteil, den Königin Máxima an der Gründung der Stiftung hatte. Hierzulande, so das Blatt, müsste sich eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens finden.14 Ein Ziel, das niemand setzt, kann auch niemand verfehlen. Darin liegt womöglich sein größter Reiz für jede Verwaltung.
Was ein Datum bewirkt
Ein Datum ist ein unscheinbares Instrument. Es erhöht keinen Lohn und senkt keine Miete. Es verteilt nur die Verlegenheit im Voraus. Irgendwer wird 2030 in jenem Raum stehen und die Zahl erklären müssen, und dieses Wissen verändert das Handeln lange vorher: welche Daten man erhebt, wen man an den Tisch holt, welche Inkassopraxis plötzlich teuer aussieht.
Das ist die eigentliche Lehre aus dem UN-Mandat, und sie richtet sich nicht an die Niederlande, die sie längst gezogen haben. Sie richtet sich an Berlin, Washington und Tokio. Alle drei messen finanzielle Not. Keine der drei Regierungen hat bisher, wie die Niederländer, aufgeschrieben, wie viel weniger davon es geben soll und bis wann.
Bis 2030 bleiben gut drei Jahre. Die Niederländer können ihr Ziel durchaus verfehlen; eine Halbierung ist schwer, und die leichten Fortschritte sind vielleicht schon gemacht. Selbst dann werden sie genau wissen, wie weit sie gekommen sind und warum. Alle anderen haben im nächsten Herbst einen neuen Bericht, ein paar bedauerliche Prozentwerte und einen Kalender, in dem keine Seite markiert ist.
Quellen
- UNSGSA: UN Event Marks 15 Years of Financial Inclusion and New Financial Health Mandate for the UNSGSA, 2024-09-27
- UNSGSA: Financial Health, undated web page, accessed 2026-09-30
- Banken.nl: AFM sluit zich aan bij Nationale Coalitie Financiële Gezondheid, 2025-02-14
- UNSGSA: UNSGSA 2025 Annual Report to the UN Secretary-General, 2025-09-26
- Rijksoverheid: Koningin Máxima en minister Vijlbrief op werkbezoek in Amsterdam Zuidoost, 2026-07-06
- Accountant.nl (Deloitte study): Deloitte-onderzoek: Financiën staan bij zes op de tien huishoudens onder druk, 2023-03-07
- Banken.nl (Deloitte study): Meer financiële lucht voor Nederlandse huishoudens, maar nood blijft hoog, 2024-03-28
- Accountant.nl (Deloitte with Nibud, Tilburg University and Leiden University): Financiële gezondheid Nederland verbetert, maar veel huishoudens nog financieel kwetsbaar, 2026-04-28
- Financial Health Network: Financial Health Pulse 2025 U.S. Trends Report, 2025-09-17
- The Philadelphia Inquirer / The New York Times (Ann Carrns), on the Financial Health Pulse 2026: More U.S. households are struggling financially, analysis finds, 2026-09-21
- Mitsubishi UFJ Asset Management: Market report on the Doubling Asset-Based Income Plan (decided 28 November 2022), July 2023
- Financial Services Agency of Japan (via Ministry of Finance): 令和9年度税制改正要望事項(新設・拡充・延長), 2026
- Creditreform Wirtschaftsforschung: SchuldnerAtlas Deutschland 2025, 2025-11-14
- Börsen-Zeitung: Finanzbildung auf niederländisch, 2026-05-01