
Anhören
Ein Portemonnaie liegt auf einer Bank vor dem Bahnhof, in irgendeiner Stadt. Darin ein paar Scheine, ein Ausweis, eine Telefonnummer. Fragt man Passanten, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Fremder es zurückbringt, antworten sie zurückhaltend, in allen Ländern, in denen man sie gefragt hat. Legt man das Portemonnaie tatsächlich hin, kommt es ungefähr doppelt so oft zurück, wie die Befragten erwartet hatten113. Das ist, in einem Satz, der Befund des World Happiness Report 2025: Wir halten die anderen für schlechter, als sie sind, und wir sind glücklicher dort, wo wir das Gegenteil erleben.
Der Befund hat eine politische Pointe, die sich nicht gegen die Politik richtet. Glück steht in keinem Koalitionsvertrag, nicht weil Regierungen es nicht wollten, sondern weil es dort nicht entsteht. Es entsteht am Tisch, auf dem Platz, in der Bahn, am Monatsende, wenn die Rechnung aufgeht. Dieser Essay eröffnet eine Serie, die genau dorthin schaut. Die These: Politik setzt den Rahmen, erlebt wird Glück woanders, und an diesem Woanders haben Unternehmen mehr Anteil, als ihre Bilanzen vermuten lassen.
Die Minister für das Glück
An Versuchen hat es nicht gefehlt. Bhutan misst seit den 1970er Jahren ein Bruttonationalglück. Die Vereinigten Arabischen Emirate ernannten im Februar 2016 eine Staatsministerin für Glück2. Großbritannien bekam im Januar 2018 eine Ministerin gegen Einsamkeit3. Neuseeland legte im Mai 2019 den ersten „Wellbeing Budget“ vor, einen Staatshaushalt, der nach Wohlbefinden gegliedert war statt nach Ministerien4. Deutschland ließ 15.750 Bürgerinnen und Bürger in 203 Dialogveranstaltungen fragen, was Menschen glücklich macht und was ihnen wichtig ist, und das Kabinett beschloss im Oktober 2016 einen Bericht „Gut leben in Deutschland“ mit zwölf Dimensionen und 46 Indikatoren5. All das ist ehrenwert, und nichts davon ist verkehrt. Es ist nur nicht der Ort, an dem Glück stattfindet.
Die Rangliste jedenfalls bewegt sich kaum. Im World Happiness Report 2026 steht Finnland zum neunten Mal in Folge an der Spitze, danach Island, Dänemark und Costa Rica, das die beste Platzierung erreicht, die je ein lateinamerikanisches Land hatte. Deutschland liegt auf Platz 17, die USA auf Platz 23614. Was die Spitze gemeinsam hat, erklärt der Bericht seit Jahren mit sechs Größen: Einkommen, gesunde Lebenserwartung, soziale Unterstützung, Freiheit in Lebensentscheidungen, Großzügigkeit und die wahrgenommene Korruption1. Einkommen, Gesundheit und saubere Institutionen sind Sache des Staates. Unterstützung, Freiheit und Großzügigkeit entstehen zwischen Menschen, in Wohnungen, in Betrieben, auf der Straße. Eine Regierung kann sie schützen. Herstellen kann sie sie nicht.

Wo Glück entsteht
Der Bericht von 2025 trug den Titel „Caring and Sharing“, Fürsorge und Teilen, und er las sich wie das Gegenprogramm zu jeder Ministerialverwaltung. Wer regelmäßig mit anderen isst, bewertet sein Leben besser, in allen Weltregionen, und der Zusammenhang liegt in der Größenordnung dessen, was Einkommen und Arbeitslosigkeit ausmachen. In den USA ist der Anteil der Menschen, die allein essen, in zwei Jahrzehnten um 53 % gestiegen. Haushalte mit vier oder fünf Personen sind in Europa und Mexiko die glücklichsten. Und 19 % der jungen Erwachsenen weltweit sagten 2023, sie hätten niemanden, auf den sie zählen könnten, ein Anstieg um 39 % seit 20061. Todesfälle aus Verzweiflung sind dort seltener, wo Menschen einander öfter helfen1.
Der Bericht von 2026 setzt die Linie fort, mit einem anderen Gegenstand: soziale Medien. Die wahrgenommene soziale Aktivität ist überall gesunken und gehört zu den stärksten Erklärungen dafür, wo Wohlbefinden verloren ging. Jugendliche, die mehr als sieben Stunden am Tag in sozialen Medien verbringen, bewerten ihr Leben deutlich schlechter als jene mit weniger als einer Stunde; Mädchen in Westeuropa fehlt fast ein ganzer Punkt auf der Skala von null bis zehn. Die auffälligste Zahl steht aber daneben: Steigt das Zugehörigkeitsgefühl in der Schule von niedrig auf hoch, gewinnen Mädchen in Großbritannien und Irland viermal so viel Lebenszufriedenheit, wie sie gewännen, wenn ihre Nutzung sozialer Medien von hoch auf niedrig fiele6. Nicht der Bildschirm entscheidet. Es entscheidet, ob jemand dazugehört.
Dazugehören hat einen Ort, und der ist messbar. Eine dänische Studie hat fast eine Million Menschen von der Geburt an begleitet und die Satellitenbilder ihrer Kindheit ausgewertet, Jahr für Jahr, Haus für Haus. Wer in den ersten zehn Lebensjahren am wenigsten Grün um das Zuhause hatte, trug ein bis zu 55 % höheres Risiko, später eine psychische Erkrankung zu entwickeln, und zwar abhängig von Menge und Dauer des Grüns7. Parks, Höfe, Bäume an der Straße, die Bank vor dem Bahnhof: Das ist keine Dekoration. Das ist Infrastruktur, und zwar die, auf der das Teilen stattfindet, von dem der Glücksbericht spricht. Ihr gilt der nächste Essay dieser Serie.
Glück steht in keinem Koalitionsvertrag, nicht weil Regierungen es nicht wollten, sondern weil es dort nicht entsteht.
Die zweite Säule: das Geld
Und dann ist da die Sorge, über die kaum jemand spricht. Der SKL Glücksatlas 2025 misst die Lebenszufriedenheit in Deutschland bei 7,09 von zehn Punkten, fast unverändert zum Vorjahr. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen aber liegt bei 6,60 Punkten, 0,58 Punkte unter dem Wert von 20198. Das Leben ist in Ordnung, das Geld nicht. Britische Arbeitgeber schätzen, dass 2 % ihrer Beschäftigten täglich an Geld denken; die Beschäftigten selbst sagen 24 %9. In Japan kennen 36 % der Beschäftigten börsennotierter Unternehmen Phasen in der Arbeitszeit, in denen private Geldfragen sie am Konzentrieren hindern10.
Diese Sorge ist der zweite Ort, an dem Glück entsteht oder verloren geht. Sie steht in keinem Index als eigene Zeile, aber sie frisst die anderen Zeilen auf: Wer nachts rechnet, lädt niemanden zum Essen ein, geht nicht auf den Platz, traut dem Fremden nicht, der das Portemonnaie zurückbringt. Fürsorge für das Geld ist deshalb keine Sozialpolitik, die man anderen überlässt. Sie ist die Bedingung dafür, dass die übrigen Größen überhaupt greifen.
Was ein Unternehmen morgen tun kann
Hier kommen die Unternehmen ins Spiel, nicht als Angeklagte, sondern als die Instanz, die mehr wache Stunden der Menschen verwaltet als jede Regierung. Drei Dinge lassen sich morgen beginnen, ohne Beschluss und ohne Budgetlinie.
Erstens der Tisch. Ein gemeinsamer Mittagstisch zu fester Zeit, ohne Tagesordnung, ist die billigste Maßnahme, die der World Happiness Report je nahegelegt hat. Zweitens der Notgroschen. In Großbritannien haben Arbeitgeber wie SUEZ, Co-op und Bupa ein Sparkonto per Gehaltsabzug eingeführt, bei dem jeder automatisch dabei ist und jederzeit widersprechen kann. Mit Zustimmungslösung sparte zuvor rund 1 % der Belegschaft; mit Widerspruchslösung war es bei SUEZ rund die Hälfte der neu Eingestellten, bei Co-op und Bupa rund 70 % der neuen Nutzer, und die Betriebsrente litt nicht darunter1112. Drittens der Raum. Wer die Mittagspause nach draußen verlegt statt an den Schreibtisch, wer die Teambesprechung in die Bibliothek um die Ecke legt, wer den Freitagnachmittag freigibt, verschiebt Arbeitszeit in den öffentlichen Raum, in dem Glück nachweislich entsteht.
Nichts davon ist Wohltätigkeit. Es ist die Einsicht, dass die drei Größen, die eine Regierung nicht herstellen kann, Unterstützung, Freiheit und Großzügigkeit, in Betrieben täglich hergestellt oder zerstört werden, zusammen mit dem Vertrauen, das sie trägt. Ein Unternehmen, das sie pflegt, kauft keine Abhängigkeit ein, sondern Loyalität. Das ist die Wette dieses Almanachs, und dieser Essay ist ihr erster Einsatz.
Das Portemonnaie auf der Bank kommt übrigens öfter zurück, als wir glauben, und am häufigsten dort, wo Menschen überzeugt sind, dass sich jemand um sie kümmert. Das ist keine Frage von Mehrheiten. Es ist eine Frage, wer hinsieht.
Quellen
- Helliwell, J. F., Layard, R., Sachs, J. D., De Neve, J.-E., Aknin, L. B., Wang, S. (eds.), Wellbeing Research Centre, University of Oxford: World Happiness Report 2025: Caring and Sharing (wallet experiments, six explanatory factors, sharing meals, household size, 19% of young adults with no one to count on, deaths of despair), 2025-03-20
- United Arab Emirates Government (u.ae): Happiness: appointment of a Minister of State for Happiness in February 2016, undated web page, accessed 2026-10-01
- UK Government, Prime Minister’s Office: PM commits to government-wide drive to tackle loneliness (appointment of a Minister for Loneliness), 2018-01-17
- New Zealand Treasury: The Wellbeing Budget 2019, 2019-05-30
- Bundesregierung (Federal Government of Germany): Gut leben in Deutschland: Regierungsbericht zur Lebensqualität in Deutschland (12 dimensions, 46 indicators; 15,750 participants in 203 dialogue events; adopted by the cabinet on 26 October 2016), 2016-10-26
- Helliwell, J. F., Layard, R., Sachs, J. D., De Neve, J.-E., Aknin, L. B., Wang, S. (eds.), Wellbeing Research Centre, University of Oxford: World Happiness Report 2026: Executive summary, happiness and social media (rankings; perceived social activity; seven hours and more of social media; school belonging four times stronger), 2026-03-18
- Engemann, K., Pedersen, C. B., Arge, L., Tsirogiannis, C., Mortensen, P. B., Svenning, J.-C., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), vol. 116, no. 11, pp. 5188 to 5193: Residential green space in childhood is associated with lower risk of psychiatric disorders from adolescence into adulthood (Denmark, about 950,000 people born 1985 to 2003; up to 55% higher risk with the least green space), 2019-02-25
- SKL Glücksatlas 2025 (Universität Freiburg, Bernd Raffelhüschen; 13,905 respondents, July 2024 to June 2025): SKL Glücksatlas 2025: Lebenszufriedenheit 7,09, Einkommenszufriedenheit 6,60 (minus 0,58 gegenüber 2019), 2025-10-27
- Money and Pensions Service (UK): Essential Guide for Employers 2026: Financial wellbeing in the workplace (employers estimate 2% of staff think about money every day; 24% of employees say they do), 2026
- Nomura Securities, Nomura Asset Building Research Center: 第5回ファイナンシャル・ウェルネス(お金の健康度)アンケート(2025年実施) (5th Financial Wellness Survey, 2025; 11,145 employees of listed companies; 36% cannot concentrate at times because of private money matters), 2025
- Nest Insight: Opt-out autosave at work: findings from real-world trials with SUEZ, Co-op and Bupa (participation around 50 percentage points higher than with opt-in; about half of new SUEZ recruits, about 70% of new benefits-app users at Co-op and Bupa), 2023-09-19
- Pensions Age, reporting Nest Insight’s preliminary findings: Autosave emergency savings trial “very encouraging”; no impact on pension saving (53% participation with opt-out against 1% with opt-in at SUEZ), 2022-09-07
- University of Oxford, news: World Happiness Report 2025 shows people are much kinder than we expect (wallet return around twice as high as expected; Americans dining alone up 53% in two decades), 2025-03-20
- IamExpat Germany: Germany moves up five spots in World Happiness Report (17th in 2026 after 22nd in 2025), 2026-03-20