Wem gehört deine Stimme?

Wenige Sekunden Tonaufnahme genügen, und eine Stimme sagt, was man will. Auf drei Kontinenten läuft die Antwort des Rechts auf ein Wort hinaus: Einwilligung.

Sascha Schulz

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Hörfassung · gelesen von einer synthetischen Stimme

Im Januar 2024 nahmen Wählerinnen und Wähler in New Hampshire den Hörer ab und hörten eine Stimme, die klang wie die von Präsident Joe Biden. Sie riet ihnen, bei der Vorwahl nicht abzustimmen. Biden war es nicht, es war eine synthetische Stimme1. Wenige Wochen später entschied die amerikanische Telekommunikationsbehörde FCC einstimmig, dass KI-generierte Stimmen als „künstlich“ im Sinne des Telephone Consumer Protection Act gelten. Solche Anrufe brauchen damit die vorherige Einwilligung der Angerufenen. Beschlossen wurde das am 2. Februar, veröffentlicht am 8. Februar 20242.

Die These dieses Textes: Im Zeitalter des Klonens schützt eine Stimme weniger das Urheberrecht als die Einwilligung. Die Regeln, die gerade in Europa, Amerika und Japan entstehen, beruhen alle auf diesem Gedanken.

Eine Stimme ist kein Werk

Das Urheberrecht wurde für Dinge gemacht, die Menschen schaffen: Lieder, Bücher, Fotografien. Eine Stimme dagegen ist etwas, das Menschen sind. Die Klangfarbe, das kurze Zögern vor einem schwierigen Wort, der gedehnte Vokal am Ende eines langen Tages: Nichts davon ist ein Werk im Sinne des Gesetzes. Deshalb passen die alten Instrumente so schlecht. Wie groß die Lücke in der Praxis ist, zeigte im März 2025 die amerikanische Verbraucherorganisation Consumer Reports. Sie prüfte sechs Anbieter von Stimmklonen und stellte fest, dass vier davon keine ernsthaften Vorkehrungen gegen das Klonen fremder Stimmen trafen3. Bei ElevenLabs, Lovo, PlayHT und Speechify genügte ein Häkchen, mit dem man selbst versicherte, das Recht dazu zu haben4.

Wie die Regeln für synthetische Stimmen kamen. Wichtige Entscheidungen zu KI-Stimmen und synthetischem Audio, nach Jahr und Monat

Europa kennzeichnet, Amerika regelt

Die Europäische Union setzt auf Transparenz. Artikel 50 der KI-Verordnung, die am 1. August 2024 in Kraft trat5, gilt seit dem 2. August 2026. Anbieter von Systemen, die synthetische Audio-, Bild-, Video- oder Textinhalte erzeugen, müssen diese maschinenlesbar als künstlich erzeugt markieren; wer Deepfakes einsetzt, muss das offenlegen. Durch den sogenannten digitalen Omnibus haben Anbieter, deren Systeme schon vor diesem Stichtag auf dem Markt waren, für die technische Markierung bis zum 2. Dezember 2026 Zeit. Die Pflicht zur Offenlegung wurde nicht verschoben6. Das Recht erscheint, wie üblich, im guten Anzug und etwas zu spät.

Die USA gehen den Weg über die Bundesstaaten und die Gerichte. In Tennessee unterzeichnete Gouverneur Bill Lee am 21. März 2024 den ELVIS Act7. Das Gesetz gilt seit dem 1. Juli 2024, nimmt die Stimme in die Rechte auf, die ein Mensch an seinem eigenen Erscheinungsbild hat, und macht auch die Verbreitung eines nicht genehmigten Klons angreifbar8. Auf Bundesebene wurde am 20. Mai 2026 eine überarbeitete Fassung des NO FAKES Act im Senat eingebracht9. Sie soll ein bundesweites Recht an digitalen Nachbildungen von Stimme und Aussehen schaffen, samt einem Verfahren zur Meldung und Entfernung auf Plattformen. Der Justizausschuss stimmte am 18. Juni einstimmig zu; beim letzten Stand des amtlichen Registers wartete der Entwurf auf dem Kalender des Senats auf die Abstimmung im Plenum10. China wiederum verlangt seit dem 1. September 2025 hörbare Hinweise am Anfang, in der Mitte oder am Ende KI-erzeugter Audioinhalte11.

Wer eine Stimme nutzen will, braucht die Erlaubnis dessen, dem sie gehört.

Japans geduldige Variante

Japan zieht die Auslegung dem neuen Gesetz vor. Das erste KI-Gesetz des Landes, am 28. Mai 2025 vom Parlament verabschiedet, formuliert Grundsätze und verpflichtet Unternehmen zu angemessenen Bemühungen, sieht aber keine Geldstrafen vor12. Für die Frage der Stimme ließ das Justizministerium eine Expertenrunde das geltende Recht klären, statt neues zu schreiben13. Ihr Bericht, veröffentlicht am 7. August 2026, kommt zu dem Schluss, dass die Stimme wie Name und Gesicht durch das Recht auf kommerzielle Verwertung der eigenen Person, die sogenannte Publicity, und durch das Persönlichkeitsrecht geschützt ist. Wer mit einem KI-Cover in fremder Stimme Geld verdient, kann diese Rechte verletzen. Stimmenimitatoren sind in der Regel nicht betroffen14. Eine leise Lösung: kein neues Gesetz, nur ein genauerer Blick auf das, was schon da war.

Einwilligung ist das neue Urheberrecht

Legt man die Teile nebeneinander, ergibt sich ein Muster. Europa verlangt, dass synthetische Stimmen als synthetisch erkennbar sind. Amerika bewegt sich auf ein eigentumsähnliches Recht zu, das sich lizenzieren, aber nicht einfach nehmen lässt. Japan liest den Schutz aus Rechten heraus, die es längst hatte. Die Werkzeuge unterscheiden sich, das Prinzip nicht. Wer eine Stimme nutzen will, braucht die Erlaubnis dessen, dem sie gehört. Und wer eine Maschine sprechen hört, hat ein Recht, das zu erfahren.

Der Ordnung halber: Die Audiofassungen der Texte auf dieser Seite werden von einer synthetischen Stimme gelesen und sind entsprechend gekennzeichnet.

Man stelle sich also einen Anruf in ein paar Jahren vor. Eine vertraute Stimme, etwas außer Atem, bittet um Hilfe. Die Technik, sie zu fälschen, wird dann besser sein als heute. Geändert haben wird sich, wenn die Regeln halten, die Grundannahme: Eine Stimme, die ohne Erlaubnis benutzt wird, ist genommen, nicht geliehen. Das ist kein vollkommener Schutz. Aber es ist ein Prinzip, und Prinzipien überdauern ihre Software meistens.

Quellen

  1. Cooley: FCC: AI-Generated Robocalls Illegal Under the TCPA, 2024-02-15
  2. Federal Communications Commission: Implications of Artificial Intelligence Technologies on Protecting Consumers from Unwanted Robocalls and Robotexts, Declaratory Ruling (FCC 24-17), 2024-02-08
  3. Consumer Reports: New Report: Do These 6 AI Voice Cloning Companies Do Enough to Prevent Misuse?, 2025-03-10
  4. TechCrunch: Consumer Reports finds popular voice cloning tools lack safeguards, 2025-03-10
  5. European Commission: AI Act enters into force, 2024-08-01
  6. Morgan Lewis: EU AI Act’s Transparency Rules: What Went Into Effect on 2 August?, 2026-08-12
  7. Office of the Governor of Tennessee: PHOTOS: Gov. Lee Signs ELVIS Act Into Law, 2024-03-21
  8. Davis Wright Tremaine: Tennessee, All Shook Up Over AI-Generated Voice Replicas, Passes ELVIS Act, 2024-04-08
  9. U.S. Senator Marsha Blackburn: Blackburn, Coons, Salazar, Dean, Colleagues Introduce Revised Version of NO FAKES Act, 2026-05-20
  10. U.S. Government Publishing Office (GovInfo): Bill Status: S. 4591, NO FAKES Act of 2026, 2026-08-10
  11. China Law Translate: Measures for Labeling of AI-Generated Synthetic Content (translation; issued 7 March 2025, effective 1 September 2025), 2025-03-07
  12. White & Case: Japan’s first AI legislation becomes law: focus is on promoting research and development; no monetary penalties, 2026-04-14
  13. Ministry of Justice, Japan (法務省): 肖像、声等の無断利用による民事責任の在り方に関する検討会 (study group on civil liability for unauthorised use of likeness and voice), August 2026
  14. ITmedia AI+: 「声の無断利用」が権利侵害に 法務省が見解を明示 「AIカバー」も対象, 2026-08-07